· Pressemitteilung

300 Beteiligte: Ehrenamtliche Bereitschaften des Roten Kreuzes üben mit ihren Partnern für den Massenanfall an Verletzten

FREILASSING/LAUFEN – Rund 300 ehrenamtliche Einsatzkräfte, Beobachter und Verletztendarsteller aus der Bevölkerung haben in der letzten Septemberwoche an einer groß angelegten ganztägigen Übung der BRK-Bereitschaften mitgewirkt und dabei realitätsnah die Versorgung und Betreuung bei zwei Schadensereignissen mit vielen Verletzten und Betroffenen durchgespielt. Die Organisatoren Moritz Jellinek und Till Schöndorfer hatten die beiden Szenarien mit einem angenommenen Blitzeinschlag am Abtsdorfer Freizeitgelände und einer fiktiven dynamischen Schadenslage an einer Schule ein Jahr lang in unzähligen Stunden ausgearbeitet, mit Partner-Organisationen abgestimmt und vorbereitet und schließlich sehr echt in Szene gesetzt. Ihr Ziel: Für die mitwirkenden Kameraden einen möglichst großen Übungswert zu schaffen, der im Ernstfall sowohl organisatorisch als auch notfallmedizinisch die notwendige Handlungssicherheit vermitteln und dabei helfen soll, dass letztlich mehr Menschen überleben. „Die Szenen wirkten teilweise so echt, dass sie für uns Zuschauer wirklich unter die Haut gingen!“, lobt Klaus Engelmann in seiner Funktion als stellvertretender Kreisgeschäftsführer des Roten Kreuzes.

„Was konkret beübt und durch uns Beobachter analysiert wurde, beruht auf den praktischen Erfahrungen aus früheren echten Einsätzen, die fachlich und wissenschaftlich intensiv ausgewertet wurden“, erklärt Kreisbereitschaftsleiter-Stellvertreter Jellinek; „bei solchen Übungen provozieren wir ganz bewusst in Richtung bekannter Schwachstellen und wollen, dass etwas schiefgeht – dieses Erlebnis ist dann für die Retter nachhaltig so einprägsam, dass sich die Fehler bei einem echten Einsatz kaum mehr wiederholen!“ Insbesondere für Ehrenamtliche ohne regelmäßige Praxis im regulären Notfallrettungsdienst sind diese Übungen Gold wert, um den Schritt aus der bei Lehrgängen vermittelten Theorie in die ganz konkrete Praxis zu schaffen. „Nur wer den Stress einer großen Schadenslage spüren kann, erlebt seine persönlichen Schwachstellen und kann an ihnen arbeiten.“ Bekannte Schwachstellen sind die Führung und Koordination der Einsatzkräfte, ohne den Überblick zu verlieren oder sich im Detail zu verzetteln, die möglichst effektive Sichtung und Versorgung vieler Verletzter unter Zeitdruck und Schnittstellen-Probleme in der übergreifenden Zusammenarbeit mit Partner-Organisationen wie der Polizei, der Feuerwehr oder anderen Rettungsdiensten, bei denen die Prozesse vielleicht abweichend gestaltet sind. „Ganz konkret müssen wir uns in einem noch nicht gesicherten Gefahrenbereich eng mit der Polizei oder bei einem Naturereignis auch mit der Feuerwehr abstimmen, damit keiner unserer Leute während der medizinischen Versorgung verletzt oder getötet wird“, erklärt Jellinek. Übungsinhalte waren insbesondere die Ordnung des Schadensraums mit Aufbau und Betrieb von Patientenablagen, der koordinierte Abtransport in Kliniken und die Psychosoziale Betreuung und Notfallversorgung unverletzter Betroffener.

Während sich zahlreiche Menschen auf dem Freizeitgelände am Abtsee aufhalten, zieht sehr plötzlich ein heftiges Gewitter auf und ein Blitz schlägt mitten in den Zeltplatz ein; mehrere Camper sind verletzt – weitere Betroffene sind psychisch traumatisiert und völlig neben der Spur. Für die ersteintreffenden Einsatzkräfte ist zunächst nicht überschaubar, wie viele Leute überhaupt betroffen und verletzt sind; das Team für Realistische Unfall- und Notfalldarstellung (RUD) des Jugendrotkreuzes (JRK) hat 40 teilweise sehr aufwendig geschminkte Darsteller im weitläufigen und unübersichtlichen Gelände verteilt, die die Retter finden, sichten, erstversorgen und abtransportieren müssen.

Am Nachmittag sind die Ehrenamtlichen dann mit 83 Verletzten und Betroffenen nach einer komplexen Schadenslage an einer Schule gefordert. Die Besatzung des ersten Rettungswagens kann zunächst niemanden versorgen, bis die Polizei den Gefahrenbereich gesichert und freigegeben hat. Die Sanitäter und Ärzte finden dann zahlreiche verschieden schwer Verletzte und auch Tote vor und im Gebäude, die sie bei zunächst begrenzten personellen und materiellen Kapazitäten so strukturiert sichten, versorgen und abtransportieren müssen, dass möglichst viele Geschädigte überleben. „Es geht darum, unter Zeitdruck im vermeintlichen Chaos so schnell wie möglich zu erkennen, wer zunächst warten kann, wer sofort Hilfe braucht und in welcher Reihenfolge die Patienten behandelt und abtransportiert werden müssen“, erklärt Übungsleiter Jellinek. Die Retter ordnen die Mimen nach einer kurzen Untersuchung je nach Dringlichkeit den verschiedenen Patientenablagen zu, während weitere Einsatzkräfte die Abtransporte koordinieren und die Fahrzeuge nach einem effektiven Verteilungsmuster nahe und auch weiter entfernte Kliniken ansteuern lassen und damit bewusst verhindern, dass Notfallpatienten von anderen Einsätzen nicht mehr aufgenommen werden können. Auch der Fachdienst Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV), der im Landkreis seit einem Vierteljahrhundert den Kriseninterventionsdienst (KID) des Roten Kreuzes betreibt, übt mit und betreut Betroffene und Angehörige. Um den Abtransport der Verstorbenen kümmert sich das Notfallteam eines Traunsteiner Bestattungsunternehmens. Mit mehreren Fahrzeugen unterstützt es dabei, die Verstorbenen zu bergen und abzutransportieren, sodass der Schadensbereich nach und nach übersichtlicher wird. „Dass Tote in Säcke gepackt werden wirkt surreal und ist auch für ehrenamtliche Einsatzkräfte keine alltägliche Erfahrung; wir spielen das aber bewusst mit ein, weil es bei einem echten Einsatz auch so passiert und die psychische Belastung geringer ausfällt, wenn man so etwas schon mal in irgendeiner Form erlebt hat und schon kennt“, erklärt Jellinek.

Die Planungen zur Übung hatten bereits vor mehr als einem Jahr begonnen: Das rund 20-köpfige Organisationsteam arbeitete in zahlreichen Besprechungen die konkreten Szenarien aus, stimmte sie mit den Behörden und Partnern ab und setzte die logistischen und sicherheitsrelevanten Rahmenbedingungen um. „In dieser Größenordnung geht das rein ehrenamtlich nur mit sehr viel investierter Freizeit und Herzblut. Umso mehr freut es mich, dass alle Beteiligten über so lange Zeit derart motiviert und kompetent zusammengearbeitet haben und wir wirklich wertvolle Erkenntnisse gewinnen konnten, die in unsere Aus- und Fortbildungskonzepte für große Schadenslagen einfließen“, freut sich Jellinek.

An der Übung beteiligt waren die BRK-Bereitschaften aus den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein und ihr Fachdienst PSNV, der Landrettungsdienst des Roten Kreuzes aus den Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land und Traunstein, der IMS Rettungsdienst, das Salzburger Rote Kreuz, die BRK-Wasserwacht Laufen-Leobendorf, die Freiwilligen Feuerwehren Laufen, Leobendorf und Freilassing einschließlich der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (UG-ÖEL), die Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) des Landkreises, die Kreisklinik Bad Reichenhall, die Integrierte Leitstelle Traunstein (ILS), die Polizeiinspektion Freilassing sowie das Bestattungsunternehmen Paul Loch e. K. aus Traunstein. Auch eine Fahrzeug-Besatzung des DRK-Kreisverbands Bad Mergentheim e. V. aus dem Nordosten Baden-Württembergs war aufgrund persönlicher Freundschaften im Berchtesgadener Land mit dabei. Die Kreisklinik Bad Reichenhall ließ die Übung bei sich im Haus weiterlaufen und spielte die Übernahme und weitere Versorgung der ankommenden Patienten durch. Der Betreuungsdienst des Roten Kreuzes verpflegte alle 300 Beteiligten. Zahlreiche weitere Ehrenamtliche unterstützten bei Aufbau, Logistik, Registrierung, Dokumentation und Organisation. „Vielen Dank vor allem an die rund 120 Patientendarsteller, die unserem öffentlichen Aufruf gefolgt sind und das RUD-Team, das sie mit viel Schminke und schauspielerischem Können täuschend echt in Szene gesetzt hat!“, lobt Jellinek, der seinen Sponsoren für ihre Unterstützung durch Geld- und Sachspenden dankt: Der BRK-Kreisverband Berchtesgadener Land, die Brauerei Schönram, das Bestattungsunternehmen Paul Loch, Obst Maier aus Piding, das Landratsamt Berchtesgadener Land, die Milchwerke Berchtesgadener Land sowie der Freilassinger Globusmarkt.